In der Ebersberger Zeitung wurde heute über die Zunahme von Unfällen mit E‑Bikes berichtet. Im Beitrag ging es vor allem um schwere Verletzungen, um die Rolle von Fahrradhelmen – und auch um die Position des ADFC zur Helmpflicht.
Als Vorsitzender des ADFC-Kreisverbands Ebersberg habe ich zu diesem Thema Stellung genommen. In der Zeitung kommen davon leider nur wenige Sätze vor. Deshalb möchte ich hier unsere Sicht ausführlicher und in Ruhe erklären.
E‑Bikes verlängern die Rad-Mobilität – vor allem im höheren Alter
E‑Bikes sind aus unserer Sicht nicht „an sich“ ein gefährlicheres Verkehrsmittel. Sie werden aber deutlich häufiger und im Alltag genutzt – und zwar gerade von Menschen, die ohne elektrische Unterstützung viele Wege nicht mehr mit dem Rad zurücklegen könnten. Das ist grundsätzlich eine sehr positive Entwicklung: E‑Bikes verlängern die Fahrrad‑Mobilität ins höhere Alter und ermöglichen vielen Menschen überhaupt erst die Nutzung des Fahrrads.
Gleichzeitig sind ältere Menschen verletzlicher. Wenn es zu einem Sturz oder zu einer Kollision kommt, sind die gesundheitlichen Folgen oft schwerer. Das erklärt einen Teil der schweren Unfälle, die heute in den Statistiken auftauchen. Neben dem höheren Alter spielt auch die höhere Kilometerleistung eine Rolle, wenn es um die Ursachen von Unfällen geht. Die ist bei Pedelec-Fahrenden 2–3 mal höher als bei gewöhnlichen Fahrrädern. Und auf längeren Strecken kann auch mehr passieren.
Wichtig ist zudem die Unterscheidung: Es gibt Alleinunfälle, bei denen Fahrdynamik und Beherrschung des Rades entscheidend sind, und es gibt Unfälle mit anderen Verkehrsteilnehmenden, bei denen Infrastruktur und das Miteinander im Straßenraum eine große Rolle spielen. Für beide Situationen braucht es unterschiedliche Antworten.
Es gibt auch Alleinunfälle, bei denen die schlechte Infrastruktur ausschlaggebend für den Unfall war (Schlaglöcher, Baumwurzelaufbrüche, kaputte Radwege usw.)
Pedelecs sind „andere“ Fahrräder: Gewicht, Dynamik, Ermüdung
Viele unterschätzen, wie stark sich moderne Pedelecs von den leichten Alltagsrädern früherer Jahre unterscheiden:
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Pedelecs wiegen häufig 25 bis 35 Kilogramm.
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Die Motoren haben ein hohes Drehmoment und beschleunigen das Rad sehr kräftig.
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Dadurch verändern sich Bremswege, Kurvenverhalten und das Fahrgefühl insgesamt.
Radfahren verlernt man zwar nicht, aber ein Pedelec fährt sich anders als ein 15‑Kilo‑Rad ohne Unterstützung. Wer zwei Stunden auf einem schweren Pedelec sitzt, wird müde – und mit der Ermüdung lässt die Aufmerksamkeit nach. Fahrfehler werden dann weniger verziehen, weil viel Gewicht und Tempo im Spiel sind.
Hinzu kommt: Viele Räder werden heutzutage vor allem nach Reichweite und Akkugröße gekauft. Das macht die Räder schwerer und beeinflusst die Rahmengeometrie. Nicht jede und jeder sitzt am Ende wirklich ergonomisch passend auf dem eigenen Pedelec – auch das kann Unsicherheiten und Fehler begünstigen.
Motorleistung, Drehmoment und Risiko
Ein weiterer Trend ist die stetig steigende Motorleistung. Vor wenigen Jahren waren 30 bis 40 Newtonmeter Drehmoment üblich, heute sind 80 bis 100 Newtonmeter keine Seltenheit. Je höher das Drehmoment, desto leichter erreichen auch weniger trainierte oder schwerere Personen höhere Geschwindigkeiten.
Physikalisch bedeutet das: Ein schweres Pedelec mit hoher Geschwindigkeit trägt einfach mehr Bewegungsenergie in sich. Wenn dann ein Fehler passiert – ob durch Überforderung, Fehleinschätzung oder ein plötzliches Ereignis –, können die Folgen gravierend sein.
Aus meiner persönlichen Sicht wäre es sinnvoll, die Motorisierung von Alltags‑Pedelecs rechtzeitig im Blick zu behalten und zu begrenzen, bevor wir an einen Punkt kommen, an dem eine nachträgliche, harte Regulierung unumgänglich wird – mit möglichen negativen Folgen für den Radverkehr insgesamt.
Können, Risiko-Wahrnehmung und Fahrsicherheitstrainings
Pedelecs vergrößern den Handlungsspielraum: Man kommt leichter den Berg hoch, fährt weiter und schneller. Das ist ein Komfortgewinn – aber auch ein größerer Raum, in dem Situationen falsch eingeschätzt werden können.
Risiko bedeutet nicht, dass zwangsläufig ein Unfall passiert, sondern dass die möglichen Folgen eines Fehlers größer werden. Wenn lange nichts passiert, neigen Menschen dazu, Gefahren zu unterschätzen – bis zur ersten kritischen Situation.
Darum ist Fahrkönnen ein zentraler Baustein der Sicherheit:
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sich an Beschleunigung und Bremsverhalten gewöhnen,
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richtig bremsen, auch in Notsituationen,
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Kurven mit einem schweren, beschleunigungsstarken Rad sicher fahren,
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Blickführung und Aufmerksamkeit schulen.
Wir empfehlen ausdrücklich, Fahrsicherheitstrainings zu nutzen. Im Landkreis bieten unter anderem die Kreisverkehrswacht Ebersberg entsprechende Kurse an, und auch im Verein gibt es qualifizierte Angebote und Trainings. Unser Ziel ist, dass solche Kurse irgendwann so selbstverständlich werden wie ein Skikurs im Winter.
Helme: Empfehlung ja – gesetzliche Pflicht nein
In der Berichterstattung wird häufig die Frage nach einer Helmpflicht gestellt. Dazu ist unsere Position klar:
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Der ADFC empfiehlt das Tragen von Helmen. Ein Helm kann bei bestimmten Sturzkonstellationen die Folgen für den Kopf abmildern – besonders bei höheren Geschwindigkeiten, auf längeren Touren oder in Gruppen, wo erfahrungsgemäß auch schwere Stürze vorkommen können.
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Gleichzeitig lehnt der ADFC eine gesetzliche Helmpflicht ab. Gründe sind unter anderem:
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In Ländern mit Helmpflicht ist zu beobachten, dass insgesamt weniger Rad gefahren wird.
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Weniger Radverkehr bedeutet weniger „Safety in Numbers“ – also weniger Sichtbarkeit und Gewöhnung an Radverkehr.
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Der Fokus verschiebt sich von der Frage, wie wir Unfälle vermeiden, hin zur Frage, wie wir deren Folgen abmildern. Und wird zudem von einem gesellschaftlich relevanten Thema zu einer reinen Individualverantwortung verschoben.
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Als persönliches Beispiel: Im kurzen Alltagsverkehr trage ich nicht immer einen Helm. In Situationen mit höherem Risiko – etwa bei schnelleren Touren oder in der Gruppe – setze ich ihn ganz bewusst auf, auch weil wir dort in den letzten Jahren schwere Stürze erlebt haben.
Ein Blick in die Niederlande zeigt, dass Verkehrssicherheit vor allem bei der Vermeidung beginnt: Dort gibt es eine hervorragende Radinfrastruktur, sehr niedrige Helmquoten und trotzdem deutlich weniger schwere Unfälle pro Radkilometer. Zudem gilt: An jeder Ecke fährt ein Radfahrer oder eine Radfahrerin – alle Verkehrsteilnehmenden rechnen mit Radverkehr. Das macht den Verkehr insgesamt berechenbarer.
Was aus unserer Sicht wirklich zur Sicherheit beiträgt
Aus Sicht des ADFC-Kreisverbands Ebersberg sind die wichtigsten Hebel für mehr Sicherheit beim E‑Bike‑Fahren:
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Gute Infrastruktur, die Konflikte vermeidet, klare Sichtbeziehungen schafft und Raum für Radverkehr bietet.
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Angepasste Technik, die Menschen unterstützt, ohne sie zu überfordern – insbesondere bei Gewicht und Motorleistung der Räder.
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Fahrkönnen und Erfahrung, etwa durch Fahrsicherheitstrainings und bewusste Gewöhnung an das eigene Pedelec.
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Eine realistische Risiko-Einschätzung, die weder dramatisiert noch verharmlost.
Helme können in bestimmten Situationen die Folgen eines Sturzes mildern – sie ersetzen aber keine sichere Infrastruktur, keine angepasste Fahrweise und kein gutes Fahrkönnen.
Fazit
E‑Bikes sind ein wichtiger Baustein für eine klimafreundliche, alltagstaugliche Mobilität – auch in unserem Landkreis. Die gestiegenen Unfallzahlen nehmen wir ernst. Statt jedoch allein auf Helmpflicht und Schutzausrüstung zu schauen, sollten wir die Ursachen breiter betrachten: Technik, Infrastruktur, Fahrkönnen und Risiko‑Wahrnehmung.
Der ADFC empfiehlt das Tragen von Helmen, lehnt aber eine gesetzliche Helmpflicht ab. Unser Ziel ist, dass möglichst viele Menschen sicher, komfortabel und selbstbewusst mit dem Rad unterwegs sind – mit oder ohne elektrische Unterstützung.
Jürgen Friedrichs
Vorsitzender ADFC-Kreisverband Ebersberg


